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Zur Geschichte des Kepler-Gymnasiums - 11. Die Realschule - Konkurrenz zur Lateinschule

 

11. Die Realschule - Konkurrenz zur Lateinschule

 

Zur Hundertjahr-Feier der Realschule in Freudenstadt verfasste 1937 der damalige Leiter der Kepler-Oberschule, Oberstudiendirektor Dr. Richard Fener, einen Rückblick auf die Gründungstage der Realschule.82 In dieser Rückschau, die natürlich in erster Linie der neuen Realschule gewidmet ist, erfahren wir mancherlei über den Zustand und die Verhältnisse in der lateinischen Schule hinter der Kirche in Freudenstadt. Die Ausführungen Richard Feners sind um so kostbarer, weil 1944 und 1945 – wie schon erwähnt – die alten Unterlagen, die Lateinschule betreffend, verbrannten.

 

Im Jahre 1828 muss es um die Lateinschule nicht schlecht bestellt gewesen sein, denn die Stadt Freudenstadt suchte um einen zweiten Lehrer, einen Kollaborator, an. Begründet wurde dieses Gesuch mit der Schülerzahl „von 40 – 50 Schülern, in den verschiedenen Altersklassen von 8 – 14 Jahren.“83 Diese Kinder wurden, wie aus einem anderen Gutachten von 1834 hervorgeht, in „einer Klasse“84 unterrichtet. Wenn also aus der Schule „etwas Rechtes“85 werden solle, sei es unerlässlich, daß auf Staatskosten ein zweiter Lehrer eingestellt werde.

Weiterhin heißt es in dem Gutachten: „Wichtiger jedoch [ ... ] ist eine gute Realschule, denn von jeher wollten dort (d. h.: an der Lateinschule. al) nur wenige sich einem wissenschaftlichen Berufe widmen, und auch von den 33 Schülern, welche bei der letzten Visitation an der Anstalt sich befanden, war keiner für die Studien bestimmt.“86 Das sagt nichts anderes, als dass die Freudenstädter ihre Buben zwar auf die lateinische Schule schicken, weil es keine andere gibt, deren Bildungsangebot aber für die Bedürfnisse der Handwerker und Gewerbetreibenden völlig ungeeignet ist.

 

Allerdings lehnt die Stadt die Auflösung der Lateinschule ab, da deren Ausstattung und Finanzierung dem Königreich Württemberg obliegt, damit die Stadtfinanzen nicht tangiert; sie fordert indes nachdrücklich die Errichtung einer Realanstalt, „worinnen neben dem Unterricht in den Anfangsgründen der lateinischen Sprache hauptsächlich Deutsch und französische Sprache, Arithmetik, Geographie, architektonisches Zeichnen, Geschichte und das Wichtigste aus der Naturlehre vorgetragen werden sollte.“87 Die Stadt fordert also eine Bildungseinrichtung, die anwendbares praktisches Wissen vermittelt.

Der damalige Präceptor Johann Andreas Jäck, der von 1824 – 184388 der Lateinschule in Freudenstadt vorstand, griff in die Diskussion um die Realschule ein. Seine Stellungnahme zitiert Fener, sodass wir heute seine Situation als Lehrer deutlich erkennen können. Er hatte in vier Klassen zwischen 30 und 50 Buben zu unterrichten, und zwar alle gleichzeitig in einem Schulzimmer. Sein Gehalt von jährlich 275 Gulden plus Dienstwohnung und Schulgeld charakterisiert Jäck mit den Worten: „Schwerlich wird sich ein anderes Präceptorat im Lande mit gleich geringem Fixum nachweisen lassen. Dieser Umstand versetzt den Lehrer in die abhängigste und drückendste Lage, wovon man sich bei einer durch ein hinlängliches Fixum gesicherten Existenz schwer einen Begriff macht. Eine schwache Schülerzahl gefährdet die Existenz. Eine starke setzt dem Verdacht allzugroßer Rücksichtnahme auf das eigene Interesse aus.“89

 

Ich erinnere mich an meine Volksschulzeit in einer Dorfschule bei Backnang von 1953 bis 1957. Das Schullokal war ein einziger Raum mit Sitzpulten. An die Tintenfässer in den Pulten kann ich mich auch noch gut erinnern, und dass es fast lebensgefährlich war, die Enden der Zöpfe von den Mädchen, die vor einem saßen, in diese Tintenfässer einzutauchen. In diesem Schulzimmer saßen ungefähr 30 Kinder in acht Klassen. Unser Dorfschullehrer - sein Name sei genannt: Albert Langenstein - musste also ein hervorragender Organisator sein, wenn er jeden Vormittag alle acht Jahrgänge in allen Fächern gleichmäßig beschäftigen und fördern wollte. Gut kann ich mich noch daran erinnern, wie Jungen oder Mädchen, die eine bestimmte Sache besonders gut konnten, eine andere Lerngruppe betreuen mussten. Selber durfte ich auch an Lerngruppen in höheren Klassen, als ich jeweils selber war, teilnehmen. So habe ich in dieser Dorfschule sehr Vieles gut gelernt, und inzwischen habe ich das Bewusstsein, dass größeres pädagogischen Können notwendig ist, wenn man acht Klassen gleichzeitig unterrichten muss, als wenn in jeder Stunde nur eine einzige und diese auch nur im immer gleichen Fach betreut wird.

 

Vergleichbare Arbeit leistete auch unser Präceptor Johann Andreas Jäck. Seine pädagogischen Schwierigkeiten schildert er sehr anschaulich: „Wenn man nur die vier Hauptabteilungen der Lateinschule im Auge behält, so kommen bei wöchentlichen 30 Schulstunden [es sind dies natürlich Vollstunden! al] auf einen Tag im Durchschnitt 5 und auf eine Abteilung 1 ¼ Stunden, angenommen, daß man immer mit dem Stundenschlag anfangen könnte, und der Lehrer wie das Rad der Zeit keine Zwischenpausen machte und brauchte. Wie soll aber ein Lehrer bei vier Abteilungen mit dieser Zeit für die verschiedenen Fächer des Lesens, Schreibens, Rechnens, der Religion, Geographie, Geschichte, des Singens, der Stilübungen und der alten Sprache auskommen. – Des Nachmittags ist die Schulzeit für vier Abteilungen nur 2 Stunden, so daß auf jede Abteilung nur ½ Stunde kommt. Wie leicht ist es da möglich, daß die Reihe an eine Abteilung gar nicht kommt.“90

 

Die Ausführungen Jäcks zeigen klar, dass sich inzwischen der Lehrplan für die lateinische Schule entscheidend gewandelt hat. Zwar steht die Beschäftigung mit der lateinischen Sprache immer noch im Vordergrund, aber Realienfächer wie Rechnen, Geographie, Geschichte sind hinzugekommen. Eine nachdrückliche Forderung der Freudenstädter bestand darin, dass an der Schule auch Französisch unterrichtet werden sollte, und das konnte Jäck nicht. Unterstützt wurde die Forderung nach einer Realschule auch vom Ministerium „indem eine solche Schule für diesen Ort mehr als eine lateinische Schule Bedürfnis ist und höchstens einzelne wenige Beamtenfamilien bei Erhaltung der letzteren beteiligt sein können.“91 Dem wurde entgegengehalten, die Lateinschule in Freudenstadt sei die einzige in weitem Umkreis und unverzichtbar.

 

Also sollte es sowohl eine Latein- als auch eine Realschule geben. Praktisch und sparsam wie die Freudenstädter seit jeher sind, sollte dafür das Schulhaus hinter der Kirche entsprechend umgebaut werden. Man sah vor, das Schulzimmer der Lateinschule durch eine Bretterwand zu teilen. So konnten zwei Räume geschaffen werden für zwei Realklassen. Im Erdgeschoss gab es ein kleines Zimmer mit zwei Fenstern, die sich auf einen großen Misthaufen öffneten; dieses Loch würde gut genug sein für die Lateinklassen.