Kepler-Login

Kontakt

Kepler-Gymnasium
Ludwig-Jahn-Str. 54
72250 Freudenstadt

Tel.: 07441 / 86059 - 600
Fax.: 07441 / 86059 - 666

sekretariat@kg-fds.de

 

stark staerker wir

logo Nationalpark

E-Learning

Comeniusschule

Home Geschichte Zur Geschichte des Kepler-Gymnasiums
Zur Geschichte des Kepler-Gymnasiums - 12. Die Lateinschule im Schatten der Realschule

 

12. Die Lateinschule im Schatten der Realschule

 

Als dann im November des Jahres 1837, mit Beginn des neuen Schuljahres, die Realschule eröffnet wurde, ergab sich – laut dem Bericht des Gemeinschaftlichen Oberamts – für die Lateinschule folgende Situation: die lateinische Schule erhält tatsächlich den Raum mit der Miste, die Realschule bezieht den noch nicht geteilten Schulsaal, der groß genug ist, dass auch die Lateinschüler dem Realunterricht beiwohnen können. Für Lehrmittel beider Anstalten wurde ein Etat von 60 Gulden jährlich bewilligt; die beiden Schulen mussten sich also wirklich darauf einigen, was angeschafft wurde.92

 

Mit der Schulordnung von 1891 erfolgte im Königreich Württemberg die erste einschneidende Reform an den Lateinschulen seit der Großen Kirchenordnung von 1559. Die Komposition wurde abgeschafft93. Von nun an mussten die Lateinschüler nicht mehr sich damit abmühen, einen deutschen Text ins Lateinische zu übertragen, mussten nicht mehr die Fähigkeit entwickeln zu lateinischer Konversation, mussten sich nicht mehr dafür kritisieren und tadeln lassen, dass sie ein lateinisches Wort, einen lateinischen Ausdruck verwenden würden, der nicht durch den Sprachgebrauch Ciceros legitimiert war. Die frei werdenden Stunden erhielten Fächer wie Französisch oder Erdkunde, denn selbst wenn die Republik jenseits des Rheins politisch ein Feind war, so galt deren Sprache als Gesellschafts- und Kultursprache; und nebenbei ließen sich mit Frankreich gute Geschäfte machen – ein wesentlicher Gesichtspunkt für die Handwerker- und inzwischen, dank Alfred Hartranft, auch Tourismusstadt.

 

Freilich war in Württemberg eine solche Entscheidung sehr schwer gefallen. Denn hier herrschte stets ein gesunder Konservativismus, man schaute sich um, wie es andern Orts, vor allem in Preußen, gehandhabt wurde, prüfte, wog ab, und ließ manches bleiben. Als im Deutschen Reich schon längst die aktive Beherrschung des Lateinischen nicht mehr gefordert und gepflegt wurde, war dies im Königreich Württemberg noch immer der Fall und man hat „an der Übung des Komponierens bei den alten Sprachen mit besonderer Zähigkeit festgehalten, lediglich in der Überzeugung von der formalen Förderung des Geistes durch den Zwang des Umgießens eines deutschen Inhalts in antike Gedankenkreise und Ausdrucksmittel."94

 

Weiterhin wird die Lateinschule gegen die Ansprüche einer industrialisierten, technisch orientierten Gesellschaft nachdrücklichst verteidigt:

„Die Losung: non scholae, sed vitae wurde in den Zeiten eines wachsenden Industrialismus und um sich greifenden Materialis- mus von vielen Kreisen, die der Schule ins Handwerk pfuschen zu müssen glaubten, in die Forderung ausgelegt, es müsse in Auswahl und Behandlung der Unterrichtsstoffe weit mehr als bisher auf das im späteren Leben unmittelbar Verwendbare ab- gezielt werden; für die höhere Schule Württembergs jedoch be- hielt jener Spruch nach wie vor seine ideale Deutung in dem Sinn, daß sie, einer platten Nützlichkeitsschwärmerei abhold, in den Schülern vor allem die Anregung zum Weiterdenken über die wichtigsten Lebensfragen und die Fähigkeit zu eindringen- der Geistesarbeit wecken möchte, ohne den auszuwählenden Lehrinhalt gleich von vornherein auf etwaige künftige praktische Brauchbarkeit zu prüfen. Von diesem Gesichtswinkel aus sind auch die immer noch ziemlich zahlreichen Landlateinschulen zu beurteilen [ ... ].“95

 

Eine dieser Landlateinschulen befand sich auch in Freudenstadt. Sie war im Jahr 1892 eine von 66 im Königreich Württemberg eingerichteten lateinischen Bildungsanstalten. Im Jahr 1900 hatte sich deren Zahl um zwei vermindert, 1916 waren es nur noch 39 reine Lateinschulen, darunter noch immer Freudenstadt.96 Wie viele andere Landlateinschulen hatte auch Freudenstadt stets mit Existenzproblemen zu kämpfen.

 

Im Jahr 189697 erst hatte die Lateinschule Freudenstadt so viele Schüler, dass drei Abteilungen mit drei Lehrern eingerichtet werden konnten. Die erste Abteilung wurde vom Kollaborator unterrichtet, dies war die Klasse I. Die Mittelstufe (Klassen II und III) wurde zunächst von Präceptor August Kübel98 unterrichtet, später von Hilfslehrern. Dann übernahm Kübel, nun zum Oberpräceptor, später zum Professor ernannt, die Oberstufe der Klassen IV und V; die Besitzeintragungen in seiner markanten Handschrift sind noch in verschiedenen Büchern des Kepler-Gymnasiums erhalten.

 

1897 wurde die Realschule erneut um eine Klasse aufgestockt; sie umfasste nun sechs Klassen. Damit verlor die Lateinschule schon wieder an Attraktivität, denn sie konnte mit ihren nur 5 Klassen das „Einjährige“ nicht möglich machen. Wer somit nur ein Jahr Wehrdienst leisten wollte, musste den Abschluss an der Realschule schaffen. Dann konnte er in einer Truppe seiner Wahl den Militärdienst ableisten und brauchte anstatt zwei Jahre oder gar drei nur ein Jahr dienen.

 

Die Lateinschüler der Klassen IV und V mussten daher in Physik und Mathematik den Unterricht der Realschule besuchen, damit sie die gleichen Chancen bekamen und die Klasse VI an der Realschule absolvieren konnten.

 

Im Jahre 1903 wurde der kleine Martin Haug, späterer Landesbischof von Württemberg, in der Lateinschule eingeschult. In der Einweihungsschrift für die heutige Kepler-Schule erzählt er anschaulich davon:99

Eine Sehenswürdigkeit war sie nicht gerade, unsere einstige Freudenstädter Lateinschule. Sie hat sich mit Grund hinter der Hauptsehenswürdigkeit unserer Stadt, der evangelischen Stadtkirche, schamhaft versteckt und war in dem Winkel hinter der Kirche schwer zu finden. „Die Bude“, wie sie im Volksmund treffend hieß, war eines der ältesten Gebäude Freudenstadts. [ ... ] Die alte Bude hat buchstäblich gewackelt, wenn wir nach Schulschluß die alte Holztreppe hinuntergestürmt sind. Auch die beiden Klassenzimmer für die größere Vorklasse, in der die künftigen Real- und Lateinschüler noch beisammen waren, und für die kleine erste Lateinklasse waren mehr als primitiv, der düstere Vorraum von den Schulzimmern mit den Toiletten war denkbar unschön und unhygienisch. Von der guten Freudenstädter Luft war in der ganzen „Bude“ wirklich nichts zu bemerken.

[ ... ]

Der gute Geist dieser „Bruchbude“ war der Lehrer, Präzeptor Jakob Bitzer, ein Schulmeister vom alten Schlag. In allen Fächern jener Stufe – außer im Zeichnen und Turnen – hat er uns selbst unterrichtet und die elementaren Dinge gründlich beigebracht [ ... ], wir waren damals etwa 10 Schüler [ ... ].

In der zweiten und dritten Klasse der Lateinschule, die miteinander unterrichtet wurden, hatten wir einige ganz junge unständige Lehrer [ ... ].

Ganz anders war es doch dann auf der Oberstufe unseres damaligen Mini-Gymnasiums, die als Gast in einem stattlichen Zimmer der Knabenvolksschule in der Bahnhofstraße untergebracht war. In der 4. Klasse waren wir damals nur noch vier Schüler, drei Buben und ein Mädchen, in der fünften waren es ganze zwei [ ... ].“

 

Martin Haug erzählt weiter, der Lehrer dieser Oberstufe sei Oberpräzeptor Kübel gewesen, der ständig geklagt habe über seine Überlastung, aber ein ausgezeichneter Pädagoge gewesen sei.

 

Auch dem von Martin Haug erwähnten Präzeptor Jakob Bitzer (1854 – 1945)100 verdanken wir wichtige Auskünfte über die Lateinschule. Anläßlich der Einweihung der Kepler-Oberschule in der Stuttgarter Straße101 blickt er in seiner Lehrer-Vergangenheit bis ins Jahr 1887 und in den Winkel hinter der Kirche zurück.

Bitzer vergleicht die gegenwärtigen Schulverhältnisse, wie sie nun im Jahre 1930 in der modernen, lichten und weiträumigen hervorragend ausgestatteten neuen Schule vorhanden sind, mit den Bedingungen, unter denen er selbst hatte arbeiten müssen: „Während man heute für die heranwachsende Schuljugend das Allerbeste gerade für gut genug hält und palastartige Schulgebäude erstellt, mußte die Schule im vorigen Jahrhundert noch mit ganz einfachen Gelassen, ja oft mit völlig unzulänglichen Räumen vorlieb nehmen.“

 

 

Im Dachstock des Schulhauses der Lateinschule102 befand sich unter dem Dach in einem Raum „nicht viel größer als ein gewöhnliches Wohnzimmer und so niedrig, daß man mit ausgestrecktem Arm an die vom Alter sich bauchig herabneigende Decke langen konnte“, die Kollaboraturklasse (Klasse I). 30 Kinder zwängten sich in acht Schulbänke. In dieser Stube befand sich noch ein großer Eisenofen, der regelmäßig vom Lehrer selbst vom Flur aus mit Holz befeuert werden musste. Schrank, Pult, Tafel ergänzten die Einrichtung.

 

Diese Klasse war bis 1882 an einem ganz anderen Ort untergebracht gewesen. Mitten auf dem Marktplatz stand bis zur Zerstörung das so genannte Wachthaus103. In diesem Gebäude war in einen Raum die Unterklasse gesteckt gewesen. Als aber 1882 in der Straße, die zum Bahnhof hinunterführt, das neue Knabenschulgebäude, die heutige Hartranftschule, gebaut worden war, zog die Präzeptor-Klasse August Kübels dorthin um, in bessere Verhältnisse - und für die Kleinen war die Stube unterm Dach wieder gut genug.

 

Bis 1897 befand sich im Gebäude der Lateinschule auch noch eine Realklasse. Als aber die Räume des Gebäudes, in dem sich die Realschule befand - es ist dies der heutige Schickhardt-Bau104 -, ausgebaut wurden,105 zog auch diese Klasse aus; gleichzeitig wurde die Elementarschule aufgelöst.

 

Damit stand das Haus hinter der Kirche eigentlich wieder der Lateinschule zur Verfügung. Allerdings benutzten die Räume der Lateinschule auch Vereine, es wurde Bibelstunde darin abgehalten, die Pfandleihanstalt hielt ihre Auktionen während der Schulzeit ab, und auch die katholische Volksschule war dort einquartiert. Die wenigen Räume waren also rund um die Uhr belegt.

 

Nach dem ersten Weltkrieg wurde das gesamte Gebäude völlig umgebaut und Notwohnungen wurden darin eingerichtet; die Unterklasse der Lateinschule wurde in die Realschule verfrachtet. Die Mittelklasse erhielt einen Raum in der damaligen Gewerbeschule in der Musbacher Straße (ehemalige Musikschule; heute Haus der Experimenta). Die Oberklasse aber musste aus ihrem Lokal in der Bahnhofstaße vor die Stadt in das sogenannte „Stocksche Gebäude“106 in der Stuttgarter Straße 45.

 

Noch ein Bericht ermöglicht Einblick in die Verhältnisse der Lateinschule vor dem ersten Weltkrieg. Frau Gunhild Appuhn107, Tochter des Zeichners und Malers Karl Biese108, besuchte im Jahr 1913 diese Schule. Sie war damals 13 Jahre alt und hätte die Klasse IV oder V besuchen müssen. Die höchste Klasse hatte aus zwei Buben bestanden, und die waren weggezogen. Die Klasse IV gab es auch nicht. Also musste Gunhild notgedrungen in Klasse III eingeschult werden, ein Mädchen unter vier Buben. Das Mädchen drängte sich nun keineswegs in ein Revier hinein, das für sie verboten gewesen wäre; das Königreich Württemberg hatte nämlich zusammen mit dem Großherzogtum Baden schon seit einigen Jahren die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen an den höheren Schulen eingeführt109. Nur hatte sich das natürlich an der Lateinschule in Freudenstadt noch nicht herumgesprochen, weil diese Situation noch niemals eingetreten war.

 

Gunhild erzählt nun in ihren Erinnerungen von den harten Kämpfen, die sie zu bestehen hatte, und von der Anerkennung, die sie sich schließlich erwarb. Ihre Beschreibung der Schullokalitäten zeigt auch, dass sich in all den Jahren im Schulhaus hinter der Kirche nichts geändert hatte. Nachdem sie schließlich als Gastschülerin die vierte Klasse absolviert hatte, musste sie überwechseln zur Realschule in den Schickhardt-Bau.

 

Wir können uns vielleicht eine Vorstellung davon verschaffen, unter welchen Verhältnissen an der Lateinschule unterrichtet werden musste, wenn wir uns am Stadtplan des Jahres 1899110klar machen, wo überall in der Stadt die Lokalitäten der Schule untergebracht waren. Das Stammhaus, das Alte Knabenschulhaus hinter der Kirche,

trägt auf diesem Plan die Nummer 14. Dort befanden sich die Vorklasse sowie die Unterstufe der Lateinschule. Mittlerweile war auch der unhaltbare Zustand, dass sich in diesem engen Schulhaus die gesamte männliche Jugend der Stadt zusammendrängte, behoben worden. Außerhalb der alten Stadt, an der Straße, die zum 1879 eröffneten Bahnhof hinabführte, errichtete die Stadt 1882 das Neue Knabenschulhaus (auf dem Plan Nummer 13; heute Hartranft-Schule). Dort erhielt, wie wir ja schon wissen, die Präceptor-Klasse ein Zimmer.

 

Am Ort, an dem sich heute die Stadt-Apotheke befindet, gegenüber dem Memminger-Brunnen mit seinen lustigen Vögeln, hatte die Stadt

im Jahre 1829 Räume angemietet, in denen die Mädchen unterrichtet wurden.111 Knapp 60 Jahre später waren die Bedingungen in diesem Hause offenbar so katastrophal, dass auch die Mädchen eine neue Schule bekamen; es ist dies die heutige Eberhardt-Schule (Nr. 16).112

 

Am Ende des 19. Jahrhunderts waren also die beiden Volksschulen für Mädchen und Jungen in neuen Häusern untergebracht, die Realschule hatte den (heutigen) Schickhardt-Bau und musste sehen, wie sie darin zurechtkam, die lateinische Schule aber steckte immer noch in ihrem

Loch hinter der Kirche – da hatte sich überhaupt nichts geändert. Und es sollte sich auch nichts Wesentliches in den Bedingungen für die la-

 

teinische Schule oder die Lateinabteilung der späteren Realschule ändern. Die Lateiner wurden hin und her geschoben, einmal hier untergebracht, dann wieder dort, über die ganze Stadt verteilt. Und auch dies sollte nicht anders werden, bis der Neubau für die im Jahr 1920 vereinigten Schulen zehn Jahre später, im Jahr 1930 in der Stuttgarter Straße errichtet wurde.113 In diesem neuen Schulgebäude114 waren für die Lateinklassen sogar eigene Klassenräume ausgewiesen, und zwar je zwei Zimmer im Erdgeschoß und im Zweiten Obergeschoß.115

 

Seit der Eingliederung der Lateinschule in die Realschule als „Lateinabteilung“ war für die Lateinschüler ein entscheidender Nachteil beseitigt. Auch dieser Zug wurde nun über sechs Jahre geführt. Die Schüler konnten damit auch in der Lateinklasse das „Einjährige“ erwerben und naturwissenschaftliche und sprachlich-humanistische Ausbildung waren weitestgehend gleichberechtigt.