Kepler-Login

Kontakt

Kepler-Gymnasium
Ludwig-Jahn-Str. 54
72250 Freudenstadt

Tel.: 07441 / 86059 - 600
Fax.: 07441 / 86059 - 666

sekretariat@kg-fds.de

schultüte2Informationen für Eltern der 4. Grundschulklassen gibt es hier

 

stark staerker wir

logo Nationalpark

mzs logo schule 2

Home Geschichte Zur Geschichte des Kepler-Gymnasiums
Zur Geschichte des Kepler-Gymnasiums - 2. Die Anfänge der lateinischen Schule in Freudenstadt

Beitragsseiten

  

2. Die Anfänge der lateinischen Schule in Freudenstadt

 

Gehen wir zusammen also ein wenig in die Vergangenheit zurück: Der Wald über dem Christophstal ist seit 1599, seit fünf Jahren also, gerodet, und jetzt entwickelt sich entlang der abgesteckten Baulinien aller Reihen5 auf den vorgesehenen Parzellen rege Bautätigkeit. Auch die Schlosskirche mit ihrem seltsamen Grundriss wächst in die Höhe. Wie es sich für eine moderne Stadt gehört, wird seit 1602 das Einkaufszentrum, ebenfalls ein über das Eck errichtetes Gebäude, das wir heute den Schickhardt-Bau nennen, aufgeführt. Die Bevölkerung wächst rasch, im August 1602 sollen bereits 80 Häuser gestanden haben, im Februar 1603 wohnten etwa 220 Bürger, also Haushaltsvorstände, in Freudenstadt, was auf ungefähr 1000 Einwohner hinweist. Und bis 1609 muss sich die Einwohnerzahl verdoppelt haben.6 Eine Schule war also angebracht und nötig.

 

Aber man muss sich vor Augen halten: Die Stadt, die Heinrich Schickhardt auf Befehl seines Fürsten, des Herzogs Friedrich I von Württemberg, zu planen und auf völlig ungeeignetem Gelände zu errichten hatte, berücksichtigte nicht die Bedürfnisse der Bevölkerung. Die langen, geraden, aber nicht befestigten Straßen zwi-schen den Häuserreihen machten Gärten, Ställe für Tiere, Gewerbeflächen, Werkstätten weitestgehend unmöglich oder doch deren Einrichtung sehr schwierig.

 

Die Stadt war entworfen als Idee, als vollkommener Kosmos, als Harmonieder Maße, als geometrisches Spiel, als politische Demonstration und Modell des Absolutismus, aber nicht als Ort zum Wohnen und Arbeiten.7

 

Auf den Plänen sah die Anordnung der Häuser ideal aus.8 Aber wenn der Schnee von den Dächern rutschte, sich zwischen den Häusern staute und die Mauern auskühlte, sie feucht und schimmelig machte, wenn er langsam schmolz, da ja die Sonne in diese engen Winkel kaum hineindrang – dann zeigte sich, dass die Wohn- und Lebensqualität in den keinesfalls wärmegedämmten Fachwerkhütten erbärmlich war. Und so war es auch noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts:

 

So schön sich die Anlage der Stadt auf dem Grundrisse ausnimmt, so unzweckmäßig erscheint sie bei näherer Prüfung in der Wirklichkeit, indem nur die auf dem Marktplatze stehenden Wohngebäude eine freie Aussicht bieten, während die Bewohner der hinteren Häuserreihen die mit Cloaken versehenen Hinterseiten der Vorderhäuser im Auge haben, wozu noch der weitere Uebelstand kommt, daß die wegen Mangels an Hofräumen hinter den Häusern auf der Straße angebrachten Düngerstätten die wünschenswerte Reinlichkeit der Ortsstraßen beinahe unmöglich machen. Die Straßen sind mit wenigen Ausnahmen seit 1825 gepflastert.

Die meist mit steinernen Unterstöcken versehenen, in den übrigen Theilen aus Holz erbauten Gebäude, welche beinahe durchgängig nur 4 Fuß weit von einander abstehen, sind sämmtlich mit der schmalen Giebelseite gegen den Marktplatz und die Straßen gekehrt und haben eine gleiche, an Architektur arme Bauart und häufig dieselbe Größe, was dem Ganzen eine drückende Eintönigkeit gibt. Die Bedachung besteht aus Ziegelplatten, und die Wände, wenigstens die auf der Wetterseite, sind mit wenigen Ausnahmen verschindelt. Die um den Marktplatz stehenden Gebäude haben in den unteren Stockwerken auf Rundbögen ruhende Arcaden, so daß man bei nasser Witterung trockenen Fußes um den ganzen Marktplatz kommen kann, was besonders in schneereichen Wintern von wesentlichem Vortheil ist. Dagegen wird den zurückstehenden unteren Stockwerken dieser Gebäude der Zutritt des nöthigen Lichts, wie der Sonne versagt und überdieß sind die über den Arcaden angebrachten Gelasse des zweiten Stockwerks kalt, indem die Böden derselben frei über den Arcaden ruhen. In den 4 Ecken des Marktplatzes standen ursprünglich 4 im Winkelhacken erbaute Hauptgebäude: die Kirche, das Kaufhaus, das Rathhaus und der Spital, welch letzterer, nachdem ihn der Brand von 1632 verzehrt hatte, nicht wieder aufgebaut wurde.“9

 

Diese Beschreibung von Freudenstadt stammt aus einer völlig unverdächtigen Quelle, nämlich aus der königlichen Oberamtsbeschreibung von 1858.

 

In dieser Stadt waren also wohl kaum Reichtümer zu gewinnen, zumal auch die Ausbeute der Bergwerke im Christophstal mehr als dürftig war. Damit ist auch klar, dass ein Lehrer, ein Präceptor, in Freudenstadt auf eine eher karge Entlohnung in Geld und Naturalien rechnen durfte, dass am Schulgebäude selbst und an der Unterrichtsausstattung gespart wurde und dass die Kinder wohl eher unregelmäßig zur Schule gingen, da sie zu Hause und im Wald gebraucht wurden.

 

Die lateinische Schule hat im Jahr 1603 ihren Anfang genommen.“10 D. h.: in diesem Jahr wurde das Gebäude fertiggestellt und von der deutschen Schule, also der Elementarschule, bezogen. Im Jahr darauf, 1604, nahm der erste Lehrer der lateinischen Schule seine Arbeit auf. Er blieb fünf Jahre.11

 

Dieser Zeitraum ist auffällig. Herzog Friedrich starb 1608, sein Sohn Johann Friedrich aber gab das Projekt Freudenstadt sogleich auf. Nicht errichtet wurde das Schloss, nicht begab sich die herzogliche Familie samt Hofstaat in die neue Stadt, nicht also bestand die Chance, dass Kinder aus Familien mit intellektuellem politischem, iuristischem, militärischem, theologischem Hintergrund die neue Schule besuchen würden. Es war plötzlich kein wirklicher Bedarf mehr da für eine lateinische Schule, wie sie in einer Landeshauptstadt wie Stuttgart oder einer Universitätsstadt wie Tübingen einfach selbstverständlich war und auch in einer Residenzstadt Freudenstadt mit ungefähr 3500 Einwohnern12 hätte selbstverständlich werden können. Als sich die Voraussetzungen, unter denen Präceptor Johann Matthiä sein Amt angetreten hatte, so plötzlich und unerwartet änderten, mag er sich gedacht haben: Hier zu bleiben hat keinen Sinn, ich will mir einen Arbeitsplatz suchen, an dem ich bessere Chancen und Bedingungen habe.

 

Eingerichtet wurde diese Schule im Eckgebäude, wo die heutige Schulstraße und die Schickhardtstraße aufeinandertreffen.13 Man kann nun fragen: Warum in dieser Ecke? Welche Notwendigkeit diktierte es, die Schule, die an jeder beliebigen anderen Stelle der Stadt hätte eingerichtet werden können, gerade in diesen Winkelzu setzen?14 Die anderen öffentlichen Gebäude, die dem Nutzen der Stadt dienen sollten, befanden sich ja in der ersten Reihe oder sollten dort noch gebaut werden: Kirche, Kaufhaus und Magazin, Rathaus, Spital. Auch hier folgt Schickhardt den Gesetzen der „Ordnung“15 und der Funktionalität: Eine Stadt ist dann gut angelegt, selbst Freudenstadt, wenn ihre Teile sich zum Wohl der Einwohner zusammenfügen. Nach funktionalen Überlegungen sind Kirche und Schule also einander zugeordnet; Schule und Kirche haben einander funktional zu ergänzen, Gottesdienst ohne Stützung durch die Schule ist nicht denkbar. So enthielt das Schulhaus nicht nur einen Schulraum, sondern auch die Wohnungen des evangelischen Geistlichen und des Präceptors. Pfarrer und Lehrer befinden sich also in unmittelbarer Nähe zu ihrem Dienstort, denn der Lehrer hat den musikalischen Dienst im Gottesdienst zu versehen und mit den Schulkindern zu singen.

 

Die Wirklichkeit allerdings setzte diese abstrakte Planung wieder zurecht. Gedankliche Perfektion und gebaute Realität haben im Freudenstadt des frühen 17. Jahrhunderts nichts miteinander zu tun.16 Die Räume der Dienstwohnungen müssen so armselig gewesen sein, dass sie noch in der Oberamtsbeschreibung von 1858 als „Wohngelasse“17 beschrieben werden.