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Zur Geschichte des Kepler-Gymnasiums - 6. Lehrpläne

 

 6. Lehrpläne

 

In der ersten Klasse lernen die Buben in Württemberg nun das lateinische ABC, Silben zu buchstabieren und allmählich lateinische Wörter zu lesen. Der Lehrer soll, wenn seine Klasse aus mehreren Kindern besteht, Leistungsgruppen bilden, die sich gegenseitig im Lernen anspornen können. Als Lehrbuch wird bereits die Grammatik des römischen Sprachlehrers Aelius Donatus eingesetzt, in dem die Kinder buchstabieren und lesen sollen. Außerdem werden sie im Katechismus unterrichtet, aus dem sie Teile auswendig hersagen.44

 

In der zweiten Klasse werden die Merksprüche Catos eingesetzt, Morallehren in Form von Merksätzen. Diese müssen auswendig gekonnt werden, und die Kinder lernen auch, was diese Sprüche bedeuten. Sie werden in einem Heft aufgeschrieben, das der Präceptor regelmäßig kontrolliert, damit sicher ist, dass diese Aufschriebe nicht nur richtig, sondern auch schön notiert sind. Weiterhin sind die Stunden der zweiten Klasse mit den Formen der Konjugationen der Verben und Deklinationen der Adjektive und Substantive gefüllt, die ständig in den verschiedensten Reihenfolgen und Ordnungen repetiert und abgefragt werden. Außerdem verfügen die Kinder auch schon über eine Sammlung von Idioms und Redewendungen, die laufend abgeprüft werden. Musikunterricht, also Singen für den Gottesdienst, Schönschreiben und Katechismus ergänzen den lateinischen Unterricht.45

 

Die dritte Klasse beschäftigt sich nun mit der Satzlehre und die Kinder lernen auch, wie die Wörter der lateinischen Sprache aus Wortfamilien und in analogen Zusammensetzungen gebildet sind. Weiterhin lernen sie eine Fülle an Redewendungen, mit denen sie mündlich und schriftlich kommunizieren können. Die Fabeln des Aesop, wohl in den lateinischen Bearbeitungen des Phaedrus, werden gelesen, eine Auswahl aus Ciceros Briefen und – aus sprachlichen Gründen – Komödien des Terenz.

Amüsant für uns Heutige ist die Beflissenheit, mit der die Lehrer angewiesen sind, wie sie ihre meist noch nicht 10 Jahre alten Buben vor den moralischen Verworfenheiten des römischen Stückeschreibers schützen müssen, denn immerhin stellt es für einen freien Römer z. B. kein Problem dar, nebenbei ein vermeintliches Sklavenmädchen zu vergewaltigen.46 Deshalb sollen „die Præceptores anzeigen / wie die blinden Ethnici [= Heiden] von Gott und seinem Wort nichts gewißt / wie dann die Rochlosen Christen auch nichts darumb wissen / Darneben ein exemplum un[nd] testimonium sacrae Scripturae anzeigen / wie Gott der HERR dise Laster grewlich straff / unnd sich in allweg befleissen / das die unverstandne / zarte Jugendt / nit geergert werde.“47

 

Die Buben müssen nun auch kleine Texte in lateinischer Sprache verfassen, diese in ein Heft eintragen und bei Visitationen durch vorgesetzte Schulprüfer vorweisen, damit diese feststellen können, welche Übungen mit welchem Erfolg bewältigt wurden.

 

Wichtige Lektüre des vierten Schuljahrs sind Ciceros Briefe Ad Familiares. Weiterhin stehen Ciceros Buch über die Freundschaft und die Komödie Andria von Terenz auf dem Lehrplan. Am Ende des Schuljahres muss Ciceros De Senectute gelesen werden. Dass die Buben nun die gesamte Grammatik des Lateinischen beherrschen, wird als gegeben gesehen, nun sind Verse an der Reihe. Außerdem können die Schüler nun lateinische Aufsätze schreiben, die Vorlagen dafür erhalten sie dadurch, dass sie lateinische Texte regelmäßig abschreiben und auswendig lernen.

 

Die fünfte Klasse fordert die freie Rede und die dialektische Disputation. Auch dafür müssen viele Muster auswendig gelernt werden, damit sie je nach Thema und Redesituation wieder angewendet werden können. Neu in der fünften Klasse ist nun, dass die Kinder Gedichte schreiben müssen; dazu müssen sie wissen, wie lateinische Worte in die Verse eingebaut werden können, und sie müssen auch wissen, welchen Rhythmus die einzelnen Verse und Strophen haben. Wichtig für diese Abschlussklasse der lateinischen Stadtschule wird die „Rhetorik“ von Philipp Melanchthon. An klassischen Texten fallen nun Vergil und wiederum Cicero an, diesmal mit dem Buch von den Pflichten (De Officiis). Im griechischen Unterricht werden jetzt die Fabeln des Aesop gelesen, außerdem eine Schrift des Isokrates und des Xenophon, immer mit den notwendigen Begleitübungen des Exzerpierens und Auswendiglernens. Deutsche Texte, die lateinisch formuliert werden müssen, sollen nun einen recht hohen Abstraktionsgrad haben. Die formalen Teile, die eine lateinische Rede Ciceros aufweist, müssen gekannt und in eigenen rhetorischen Übungen angewendet und umgesetzt werden. „Da muoß man nit sehen / wie lang / sonder wie guot die scripta seien / und das sie auff die phrases unnd imitationem Ciceronis gerichtet werden / sonst coacervieren [= ansammeln] die Knaben allein vil Sententias aus andern Scriptoribus one allen verstand und urtheil zuosamen / und haben nit acht auff die puritatem linguae.“48

 

Die Lehrpläne für die fünf Schuljahre schließen ab mit der Feststellung, dass die Schüler qualifiziert seien für die Universitätslaufbahn, wenn diese Jahreseinteilung gewissenhaft eingehalten werde.

 

Dieser Lehrplan für die lateinische Schule wirkt auf uns sehr anspruchsvoll und geradezu akademisch. Aber wir müssen uns klar machen, dass es kleine Kinder sind, die sich mit diesen Lehr- und Lerninhalten befassen sollen. Damit rückt alles in ein ganz anderes Licht: Normalerweise – gelegentlich nach einer Vorklasse – besucht ein Kind ab dem siebten Lebensjahr die Schule49. Buben können wählen zwischen der lateinischen Trivialschule und der deutschen Elementarschule, Mädchen haben nur die Möglichkeit, die Elementarschule zu besuchen, wo Lesen und Schreiben in der Muttersprache gelehrt und gelernt wird, Rechnen, das für die praktischen Berufe gebraucht wird, und weitere nützliche Kenntnisse erworben werden. Mit 14 Jahren, also mit der Konfirmation, war spätestens die Schule zu Ende, die Elementarschüler erlernten einen Beruf, absolvierten dazu eine Lehre und versuchten nach weiteren drei Jahren in diesem Beruf zu arbeiten, Geld zu verdienen, eine Familie zu gründen.

 

Im Alter von 12 Jahren sind die Buben mit der städtischen Lateinschule, die sehr begabten in der Regel mit 14 Jahren mit der unteren Klosterschule fertig, besuchen die obere und bereiten sich damit auf ein Hochschulstudium vor, das mit 18 oder 19 Jahren abgeschlossen werden kann. Dieses Hochschulstudium ist rein akademisch. Wir erinnern uns: ein Fach wie Rechnen oder Mathematik existiert im Trivium der Lateinschule nicht und im Quadrivium der höheren Schule wird Mathematik eher als philosophisches Instrument zur Welterklärung benutzt. Das Universitätsstudium bewegt sich also weitgehend im praxisfernen Raum; keinem indes ist es benommen, Spezialkenntnisse zu erwerben, die ihn dazu befähigen akademisches abstraktes Wissen mit anwendungsfähigem Wissen zu kombinieren und so eine nützliche und vor allem gut bezahlte Tätigkeit etwa als Jurist oder Arzt oder Politiker auszufüllen.

 

Zum Schluss dieses Abschnittes soll noch ein Stundenplan vorgestellt werden, wie er sich aus der Beschreibung der Lehrpläne für die vierte Klasse, die Elfjährigen, ergibt.50 Es fällt auf, dass an jedem Tag zur selben Stunde dasselbe Fach gelehrt wird. Damit erhält die Arbeit der Kinder ein festes Gerüst, das ihrem Schulleben Ordnung verleiht. Die Stunden sind jeweils Vollstunden, auch der Samstag ist vollständig ausgefüllt. Da die Musikstunde, die jeden Tag zu Beginn des Nachmittags gegeben wird, dem Kirchengesang gewidmet ist, wird deutlich, dass für die Schulkinder – ebenso für den Lehrer – auch der Sonntag verplant ist. Sie müssen am Gottesdienst teilnehmen und diesen musikalisch gestalten. Auch dabei unterstehen sie der Aufsicht des Präceptors. Dieser kann sich eigentlich nie um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.

 

 

 

MONTAG

DIENSTAG

MITWOCH

DONNERST.

FREITAG

SAMSTAG

8 - 9

Cicero cum explicatione et repetitionibus

9 - 10

Quaestiones

10 - 11

Repetitio et Usus Grammatices

11 - 12

Mittagspause

Emendatio

Mittagspause

12 - 1

Musica

1 - 2

Terentii ANDRIA, Ciceronis DE AMICITIA, Terentii EUNUCHUS, Ciceronis DE SENECTUTE – SYNTAXIS – PRINCIPIA PROSODIAE

(Schuljahresprogramm)

2 - 3

Nachmittagspause

3 - 4

Rudimenta Graecae Grammaticae

4 - 5

 

 

Argumentum Ciceronis